Ein Stück Geschichte aus dem Jugoslawienkrieg zu Gast im Militärluftfahrtmuseum ZELTWEG

Erlebnisbericht von Vzlt iR BÖSEL Kurt.

Ich war damals gerade knapp ein Monat in Pension, als mich urplötzlich im März 2011 die Geschichte aus längst vergangenen Tagen wieder einholte. Ich hatte an dem Tag noch ein paar Dinge in der Kaserne zu erledigen, als ich sah, wie man eine MiG 21 mit jugoslawischem Hoheitskennzeichen durch den Fliegerhorst schleppte. Sie war damals angeblich tags zuvor mittels Straßentransport vom HGM in WIEN nach ZELTWEG gebracht worden, um dann im Hangar I für die Ausstellung im Militärluftfahrtmuseum wieder zusammengebaut zu werden. Mir war ad hoc eigentlich nicht klar, welch denkwürdiges Exemplar von einer MiG 21 ich hier zu Gesicht bekam.

Aber sehr bald wusste ich, dass es sich bei dieser MiG 21 um jenes Flugzeug handelte, mit dem der ehemalige kroatische Kampfflieger Rudolf PERESIN am 25. Oktober 1991 nach Österreich floh und am Flughafen KLAGENFURT landete.

Hier will ich nun in kurz über das Leben und Sterben von Rudolf PERESIN, sowie über das Schicksal seiner damals in Österreich verbliebenen „112“ bis zu deren Rücküberstellung in das Luftwaffenmuseum in ZAGREB berichten.

Hier das Gesicht zu dieser Story: Rudolf PERESIN.

Rudolf PERESIN wurde am 25. März 1958 in der kleinen kroatischen Ortschaft GORNJE STUBICA geboren. Nach Besuch des Militärgymnasiums in MOSTAR kam er auf die Luftwaffenakademie der Nationalen Volksarmee in ZADAR. Nach erfolgreicher Beendigung dieser Ausbildung wurde er ab 1982 als Einsatzpilot im nordbosnischen BIHAC stationiert, und nahm somit als Angehöriger der Jugoslawischen Volksarmee (JNA) auch an den Kämpfen anlässlich des Unabhängigkeitskrieges in Slowenien und Kroatien teil.

Nachdem er für sich den Entschluss gefasst hatte, nicht mehr auf seine Landsleute schießen zu wollen, kehrte er am 25. Oktober 1991 – vorher hatte er noch seine Familie in Sicherheit gebracht – von einer Beobachtungsmission nicht mehr zu seinen Heimatflughafen zurück, sondern überflog mit seiner „112“, das taktische Kennzeichen seiner MiG 21R, die Grenze zu Österreich, um am Flughafen KLAGENFURT zu landen.

PERSESIN bat in Österreich nicht um Asyl, sondern kehrte nach 4 Tagen wieder nach Kroatien zurück.

In weiterer Folge – und nach erfolgreichen Loslösung Kroatiens vom Staatenbund – war er maßgeblich am Aufbau der kroatischen Nationalgarde, aus der später die kroatische Armee hervor ging, beteiligt. Hier wirkte er mit seinem Fachwissen auch beim Aufbau der kroatischen Luftwaffe mit. Im Jahr 1993 übernahm er die 1. Jagdstaffel Kroatiens.

PERESIN nun in Dienste der kroatischen Luftwaffe vor einer MiG 21

Und der Krieg auf dem Balkanstaat ging weiter, und nahm leider an Brutalität zu, wobei durchaus der Begriff eines „asymmetrischen Krieges“ anzuwenden ist, da er nicht zwischen regulären Streitkräften sondern von Soldaten gegen Zivilbevölkerung ausgetragen worden ist. Man denke nur an die 4-jährige Belagerung von Sarajevo! Während der kroatischen Militäroperation Bljesak wurde PERESIN`s Maschine vermutlich am 2. Mai 1997 an der Grenze zwischen Kroatien und Bosnien bei BOSANSKA GRADISKA von einer serbischen Fliegerabwehrrakete getroffen. PERESIN konnte sich zwar mit dem Schleudersitz retten, geriet aber in weiterer Folge in serbische Gefangenschaft. Als es dann am 4. August zu einem Gefangenen- und Gefallenenaustausch kam, war auch PERESIN`s Leichnam darunter.

Am 10. September 1997 wurde er offiziell für tot erklärt und am 15. des Monats am Mirogoj-Friedhof in ZAGREB mit einem Staatsbegräbnis bestattet. Die Todesursache wurde nie geklärt bzw. blieb bis zum heutigen Tag geheim, und bildet damit ein weiteres dunkles Kapitel aus diesem grausam geführten Krieg, der sich ja in erster Linie gegen die dortige Bevölkerung richtete.

Interessanterweise wird hier am Grabstein als Todesjahr 1995 angegeben

Über die Fluchtmaschine und deren Verbleib in Österreich kann Folgendes berichtet werden:

Bei dieser naturmetallsilbergrauen MiG 21R handelt es sich um eine unbewaffnete Aufklärerversion. Es fehlten bei der Fluchtmaschine auch die sonst vorgesehenen Aufklärungsbehälter, von denen es vier Variationen gab. Die Maschine ist ein Vertreter der ersten Variante der dritten Generation des taktischen Jägers, gebaut zwischen 1965 und 1971. Im Jahr 1970 erfolgte eine Lieferung von 12 Stück dieses Typs an Jugoslawien.

Auf dem Weg zum Hangar 8 musste auch so manches Verkehrszeichen etwas weichen.

Nachdem die MiG 21R im Hangar des Hubschrauberstützpunktes in der JOHN-Kaserne am Flughafen KLAGENFURT abgestellt worden ist, wurde sie gleich darauf von Technikern der Fltechn. Kompanie aus ZELTWEG – darunter auch der leider schon verstorbene Drakentechniker Vzlt AUER – begutachtet und für das Abstellen in einem Hangar fachgerecht präpariert. Zwischenzeitlich kam von Jugoslawien die Aufforderung, dieses Fluggerät wieder zurückzugeben, aber da es zu dem Zeitpunkt kein Abkommen mit irgendeinem Nachfolgestaat von Ex-Jugoslawien gab, galt die Maschine rechtlich gesehen als herrenlos und verblieb vorerst einmal eingemottet in KLAGENFURT.

Aus Platzgründen wurde sie dann im Herbst 1994 für einen Transport zerlegt und in das Heeresmunitions-Depot nach GROSSMITTEL in Niederösterreich gebracht. Am 6. Dezember 2001 wurde sie schließlich als „Torwächter“ für die Sonderausstellung „Österreich und der Zerfall Jugoslawiens“ vor dem Heeresgeschichtlichen Museum aufgestellt, womit sie endlich einen würdigen Aufstellungsplatz bekam. Nach Ende der knapp halbjährlichen Ausstellung verblieb sie im Bereich des HGM und stand für mehrere Jahre eher unbeachtet im Freien herum.

Im März des Jahres 2011 kam sozusagen wieder etwas Bewegung in das Leben dieser Maschine, als sie von WIEN nach ZELTWEG überstellt worden ist, um für den „diesjährigen Höhepunkt der Militärluftfahrtausstellung“ im Hangar 8 in ZELTWEG zu sorgen. Und genau in diesem Zeitfenster bewege ich mich mit meiner Fotoserie.

Hier ist am Seitenleitwerk unter dem Hoheitsabzeichen von Ex-Jugoslawien das taktische Kennzeichen dieser MiG 21R zu sehen.
Das taktische Kennzeichen „112“ am Bug wurde leider seitens Österreich übermalt. Geschleppt wird die MiG 21R von einem im öBH verwendeten Schleppfahrzeug.

Dort blieb sie dann stehen, bis es 2019 doch zu einer Einigung bezüglich der Rückgabe kam. Zwischenzeitlich waren ja nicht weniger als vier Ministerien mit diesem Kriegsrelikt beschäftigt. Schlussendlich wurde diese MiG 21R am 6. Mai 2019 an den Staat Kroatien übergeben, wo sie zum zentralen Ausstellungsstück des Militärmuseums in ZAGREB erkoren wurde. Österreich erhielt von Kroatien als Ersatz für die entstandenen „Lagerkosten“ eine baugleiche MiG 21 geschenkt.

Somit kam es nach den vielen Jahren doch noch zu einem befriedigenden Abschluss zweier befreundeter Länder.

Anmerkung zum Schleppfahreug:

Dazu wäre auch noch anzumerken, dass man es hier mit einem weiteren Relikt aus der Vergangenheit zu tun hat. Bei dem Schleppfahrzeug handelt es sich um ein Fahrzeug der Fa. SCHOPF aus OSTFILDEN, in der Nähe von DRESDEN. Diese Firma ist weltweit Marktführer in dieser Sparte und baut Schleppfahrzeuge für den militärischen Bereich, wo die Fahrzeuge ein Eigengewicht von ca. 4 t haben bis zu richtigen „Kraftlackeln“ für die Zivilluftfahrt, wobei diese Geräte ein Eigengewicht von bis zu 70 t haben können.

Für das öBH wurde seinerzeit der Ankauf eigener Schleppfahrzeuge für das sogenannte Stangenschleppen durch den Ankauf der Saab J35Ö notwendig. Bis dahin waren ganz normale Traktoren, wie sie auch in der Landwirtschaft eingesetzt werden, im Einsatz. Mit dem Bau der Durchfahrtsboxen für die Eurofighter erübrigt sich in diesem Bereich der Einsatz dieser Schleppfahrzeuge. Doch ganz haben sie noch nicht ausgedient, die Geräte werden nach wie vor verwendet, sobald ein Jet vom Flugbetrieb abgezogen wurde und zwecks Wartung bzw. Reparatur in die Halle der FlWerft geschleppt werden muss.

Blick in das mächtige Schubrohr für das leistungsstarke Tumanski R13 - Einstrom-Strahltriebwerk. Im Hintergrund sieht man schon das Ausstellungsgebäude des Militärluftfahrtmuseums.
Wenige Meter noch, dann ist der Ausstellungsort Hangar 8 ohne Zwischenfall erreicht.

Fotonachweis:

MiG21R: Privatarchiv Bösel Kurt

Person Persesin: Internet

Die letzte Reise der Mig-21:

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